Hadi Teherani über sein Küchenkonzept für Poggenpohl, Hightech und die Küche als Wohnraum

Hadi Teherani gehört als Partner des Hamburger Büros BRT Architekten zu den bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Architekten und weiß auch als Produktdesigner seine architektonische, gleichwohl sinnliche Handschrift erfolgreich umzusetzen. Visionäre Bürokomplexe gehören ebenso zu seinem Repertoire wie Möbel, Lampen und Raumtextilien. Dabei verfolgt er den Anspruch, Raumplanungskonzepte der Architektur auch auf andere Bereiche des Designs zu übertragen – jüngstes Beispiel hierfür ist zweifelsohne die für Poggenpohl entwickelte modulare Einbauküche +Artesio, die wie ein Raum im Raum aufgebaut ist und auf der LivingKitchen (Halle 4.2, Stand A010 B011) zu sehen sein wird.

Hadi Teherani wurde 1954 in Teheran geboren, ging in Hamburg zur Schule und studierte Architektur an der TU Braunschweig, lehrte an der TH Aachen und begann seine Karriere in Köln als Modedesigner und Architekt. 1991 gründete er zusammen mit Jens Bothe und Kai Richter das Architekturbüro BRT Architekten. Seit 1999 ist er Mitglied der Freien Akademie der Künste. Zu den bekanntesten Entwürfen von Hadi Teherani zählen das Dockland Bürohaus, die „Living Bridge“ und das Deichtor-Center in Hamburg. Sein Engagement im Designbereich führte 2003 zu der Gründung der Hadi Teherani AG – einem Designstudio mit derzeit zehn Produktdesignern und Innenarchitekten. Zu seinen Kunden zählen u.a. A.S. Création, Behr International, FSB, Interstuhl, JAB Anstoetz, Keramag, Louis Poulsen, Ritzenhoff, Thonet, Vorwerk, Walter Knoll, Zumtobel oder ZAO Inteco.

Bei +Artesio verschmelzen nach Ihrer Vorstellung Wand, Boden und Decke mit der Küche. Was hat der Nutzer dieser Küche davon?
Nein, umgekehrt, die Küche bildet selbst den Raum, falls dies ein offenes Wohnkonzept zulässt. Je offener die Wohnung angelegt ist, ohne eine konstruktiv nur mit viel Aufwand veränderbare Struktur, desto leichter lassen sich die notwendigen Abschirmungen und Übergänge zwischen unterschiedlich definierten Bereichen mit Hilfe leicht veränderbarer, mobiler Möbel schaffen. Wir wollen auch heute nicht im Wohnraum kochen. Aber wir brauchen nicht mehr die separate Küche samt Wand und Tür, um Lärm- und Geruchsbelastungen innerhalb der Wohnung auszuschließen. Mit dem Wegfall der gemauerten Grenzen und Barrieren entstehen offene Wohnlandschaften, die immer wieder neu definiert werden können. Nur so kommt man auf die Idee, sein Buch lieber in der Küche zu lesen, vielleicht um dabei den Kuchen im Backofen beobachten zu können. Die Räume der Wohnung vermischen sich wie die Funktionen darin. Ich kann doch heute im Schlafzimmer genauso für die Firma arbeiten wie im Bad, im Flugzeug oder doch im Büro.

Ihnen ist der Bezug der Küche zum Wohnraum sehr wichtig. Ist dieses Grundkonzept ein architektonisches Merkmal oder reflektiert dies auf gesellschaftliche Entwicklungen?
Beides ist richtig. Wir leben heute innerhalb der Familie oder in anderen Wohngemeinschaften offener und kommunikativer. Zum Beispiel ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern oder Paaren untereinander viel intimer. Auch unter diesem Blickwinkel beruht die Abschirmung der Individualbereiche vor allem auf akustischen Ansprüchen. Die nachhaltigen Barrieren innerhalb der Wohnung sind auf dem Rückzug, müssen aber zum Teil durch leichtere, atmosphärische Trennungen ersetzt werden. Das ist die Herausforderung des heutigen Möbeldesigns, provozierend formuliert, nicht das Einzelmöbel in der Zimmerecke, sondern die Zimmerecke als Einzelmöbel.

Früher hat sich alles in Omas Wohnküche abgespielt. Heute ist die Küche wieder zu einem Ort der Kommunikation geworden. Wie kann das Design, aber auch die Architektur dies unterstützen?
Diese Zielsetzung ist sehr leicht formuliert. Im Vordergrund steht nicht mehr die Funktion, sondern die Emotion. Das heißt, es geht um Wohnlichkeit, Atmosphäre, sinnliche Ausgewogenheit. Die Funktionen, zum Beispiel von Bad und Küche, müssen trotzdem perfekt ablaufen und jederzeit abrufbar sein. Aber diese Funktionen bestimmen nicht mehr das Bild der Wohnung. Muss ich mir einen Bildschirm, einen Kühlschrank oder eine Stereo-Anlage ansehen, wenn ich sie gerade gar nicht brauche? Dieser zur Schau gestellte Ausstattungsluxus wird immer mehr einer versteckten, integrierten Technik weichen. Da auch die Wände der Wohnung auf dem Rückzug sind, bleiben nur die Möbel, um Sonderfunktionen versteckt aufzunehmen. Die Idee, das Möbeldesign immer stärker zu fragmentieren, um noch die letzte CD, das letzte Buch in eigens entworfenen Kunstwerken offen zu zeigen, wird dabei immer fragwürdiger. Ein Raum ist ein Raum, weil die Atmosphäre stimmt, nicht weil darin Konsumtrends nachvollziehbar werden.

Neben dem Bad erobert der Wellness-Gedanke nun auch zusehends die Küche. Welchen „Wellness“-Faktor sprechen Sie der Küche zu? Ist Wellness in der Küche eher eine Frage von Hightech oder von Lowtech?
Diese Frage berührt unterschiedliche Ebenen. Hightech ist gefordert, um hochwertige Möbel dennoch kostengünstig zu bauen. Hightech wird sicher auch benötigt, um in der Küche mit wenig Energie auszukommen. Auf der anderen Seite schmeckt ein von Hand gebrauter Kaffee, ein selbst gebackenes Brot vielleicht besser als das maschinendesignte Pendant. Generell gilt aber, wir wollen die Technik weder sehen noch umständlich begreifen müssen. Das sinnliche Bild der Küche ist also unbedingt Lowtech mit viel Hightech im Hintergrund. Wobei manche Utopien einfach zu utopisch sind, um zu funktionieren. Das Kochen beginnt mit dem Einkaufen, dafür ist weder der Kühlschrank noch der Bringservice kompetent genug.

Durch die Integration in den Wohnraum ist der Küchenblock zum zentralen Element der Küche geworden. Küchenarbeit ist nicht mehr isoliert – Kochen und Kommunikation finden gleichzeitig statt. Welche Veränderungen unserer Wohnkultur halten künftige Küchenkonzepte noch für uns bereit?
Die Küche wird zum Wohnraum, so wie Schlafraum und Arbeitszimmer bereits in Grenzen zum Wohnraum wurden und noch weiter werden. Küche und Bad sind zwar an die Installation gebunden, aber ihr Charakter verwandelt sich unter den selben Vorzeichen. Die Fülle der Eindrücke in der Wohnung reduziert sich sehr stark auf die rein atmosphärische Umgebung. Damit reduziert sich auch die Zahl der Einrichtungsgegenstände sehr stark. Ein bodentiefes Fenster, ein behaglicher Sessel und der Blick in die Natur…. alles andere wird aufgerufen, zugeschaltet oder verbirgt sich in den Raumteilern. Keine Kabel, keine Fugen zwischen Möbel und Wand. So effektiv und atmosphärisch war Wohnen noch nie.

Wird auch das Küchendesign modischer? Welche aktuellen Trends sehen Sie im Küchendesign?
Das Küchendesign wird individueller, insofern folgt es keiner modischen Vorgabe, sondern den Vorlieben des Kunden. Konfiguration, Materialwahl und räumliche Komposition ergeben so viele unterschiedliche Möglichkeiten, dass kaum eine Küche der anderen gleicht. Um diesen Trend ganz auszuspielen, muss sich allerdings auch die Wohnung selbst entsprechend ändern: nicht mehr ein Setzkasten einzelner Räume, sondern ein Raumkontinuum als frei bespielbare Bühne.

Wie wichtig ist Design bei der Vermittlung von „inneren Werten“?
Gutes Design muss auch versteckte Qualitäten kommunizieren, nicht unbedingt einzelne versteckte Funktionen, aber den Anspruch, der insgesamt umgesetzt worden ist. Die grundlegende Haltung zu kommunizieren, die hinter einem Produkt steht, ist sicher die schwierigste Aufgabe des Designers. Aber diese Hürde zu nehmen ist unausweichlich. Denn darin liegt der zentrale Wert jeder Gestaltung, auch jeder Architektur. Wenn ich einem Wohnhaus nicht von außen ansehen kann, dass ich gerne darin wohnen möchte, hat der Architekt versagt. Das ist beim Design nicht anders.

Freuen Sie sich auf die Premiere Ihrer Kollektion +Artesio auf der LivingKitchen in Köln?
Natürlich ist es für mich überaus interessant, die Resonanz beim Publikum auf meine erste Küche, die in Kooperation von Poggenpohl und mir entstanden ist, hautnah zu erleben, im Gespräch die spezifischen Reaktionen und Vorstellungen persönlich und direkt zu erfahren. Eine Messe ist für mich immer eine wichtige Quelle der Inspiration, weil der unmittelbare Eindruck im Maßstab 1:1 durch nichts zu ersetzen ist. Dort lassen sich die neuesten Entwicklungen auf kurzem Weg erschließen und bis ins letzte Ausführungsdetail auf Stichhaltigkeit prüfen. Um die Recherche ähnlich weit zu treiben, müsste ich sonst wochenlang unterwegs sein.

Weitere Informationen:
www.haditeherani.de
www.poggenpohl.de

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